Glaube und Götter

Wenn man als Besucher das erste Mal ein Grab im Tal der Könige betritt oder einen der vielen Tempel besucht, so sieht man sich an den Wänden der Anlagen einer schier unüberschaubaren Zahl von Götterfiguren gegenüber. Ob in Gestalt von Menschen, schakal-, kuh-, oder falkenköpfig, in Form einer Mumie oder als Tier - die ganze Vielfalt der Darstellungsmöglichkeiten findet sich in der Götterwelt des Ägyptischen Pantheon. Dieses Kapitel will dazu beitragen, dem interessiertem Leser einen kleinen Einblick in die Religion des alten Ägypten zu geben, so dass er in der Lage ist, die wichtigsten Götter und ihre Funktionen zu erkennen, wenn er sich ihnen gegenüber sieht.

Die ägyptische Religion gilt als ein Musterbeispiel des Polytheismus. Doch hinter den Hunderten von Göttern verbirgt sich letztendlich nur der eine Hauptgott. Der große Sonnengott, der an sich unfassbar, heilig und anonym bleibt, personifiziert sich in einem bunten Fächer von Göttern, männlichen wie weiblichen. Diese Differenzierung entsprach der Ordnungsliebe der alten Ägypter und gipfelte im Neuen Reich in der Formulierung: Alle Götter sind drei: Amun, Re und Ptah. Verborgen ist Gott als Amun, Gott ist Re vor aller Augen und Gottes Leib ist Ptah (Geist, Schöpfer und Leib). Gott war überall; er konnte einem als Mensch begegnen, er lebte aber auch in Pflanzen, Tieren und Gegenständen.

Die Schöpfungsgeschichte war eine der entscheidensten Fragen der altägyptischen Theologie. Die Ideen zur Entstehung des Kosmos wurde dabei geschickt mit den Mythen des Königtums verstrickt, so dass die Göttlichkeit des Pharao als unumstößlich gelten musste. Nachfolgend soll die bekannteste Geschichte von der Entstehung und Ordnung der Welt kurz aufgezeigt werden.


Die Schöpfungsgeschichte von Heliopolis und der Osirismythos:
Vor Anbeginn aller Zeit und vor der Entstehung eines strukturierten Kosmos gab es nur ein Urmeer, den grenzenlosen Ozean Nun. Nun steht für das Chaos, das Nicht-Sein. Nach der Schöpfung ist Nun jenseits des Firmamentes weiterhin existent. Es gehört zu den Urängsten der Ägypter, das das Urmeer eines Tages Himmel und Erde verschlucken könnte und damit alles erneut ins Chaos stürzt.
Aus dem Ozean ragte der Urhügel (dieses Bild lässt sich leicht von der jährlichen Nilschwemme ableiten, wenn aus dem von Wasser überflutetem Land die Inseln und Ufer wieder auftauchen) aus dem der Gott Atum emporsteigt. Er, der Sonnen- und Schöpfergott, bringt sich selbst hervor und gebiert durch Masturbation die Zwillinge Schu, den Luftgott und Tefnut, die Göttin der Feuchtigkeit. Deren Kinder wiederum sind die Himmelsgöttin Nut und der Erdgott Geb. Nach ihrer Vereinigung mit Geb gebiert Nut vier Kinder. Fortan sorgen Schu und Tefnut für die Trennung von Himmel und Erde. Geb personifiziert das Land Ägypten und stellt damit ein wichtiges Bindeglied zwischen dem Land und dem Thron des regierenden Pharao dar. Die Kinder von Geb und Nut heißen Osiris, Seth, Isis und Nephthys. Die genannten Götter verkörpern die Neunheit von Heliopolis.
Osiris wird der Sage nach als Erstgeborener von Geb und Nut König von Ägypten. An seiner Seite steht Isis; das Paar herrscht gerecht und weise über das Land. Aber so wie im Alten Testament der Bruderstreit zwischen Kain und Abel ausgefochten wird, hat auch schon der ägyptische Königsmythos diese Problematik aufgenommen. Denn Seth, der Bruder, neidet dem Älteren den Thron, zumal er selbst nie eine Chance haben wird, denselben zu besteigen.

Nach seinem Bruder Osiris steht dessen Sohn Horus bereit, der in der Genealogie als Sohn des Königs und in direkter Linie vom Sonnengott abstammend die Nachfolge antreten wird. Dieser Aspekt spielt im ägyptischen Königsdogma eine wichtige Rolle; der Pharao ist Horus, er stammt direkt von den Göttern ab und übernimmt das Zepter aus den Händen seines Vaters Osiris.

Seth gelingt es, seinen Bruder in einen Hinterhalt zu locken und zu ermorden. Danach beseitigt er den Leichnam. Nach der Tat besteigt er mit seiner Frau Nephthys den Thron. Jene jedoch solidarisiert sich mit ihrer Schwester Isis und sucht zusammen mit ihr den Körper des Osiris. Bei Abydos in Oberägypten werden die beiden Schwestern schließlich fündig.
Durch die Zauberkraft von Isis gelingt es, dem Leichnam neues Leben einzuflössen. Osiris und Isis zeugen ihren Sohn Horus. Isis schwört, dass dereinst ihr Sohn den Mord am Vater rächen und den Usurpator vom Thron verdrängen werde. So geschieht es denn auch nach vielen Menschenaltern. Im Kampf, und durch den Richterspruch des Sonnengottes, besiegt Horus den Seth. Er besteigt als neuer Pharao den Thron des Landes, das Gute siegt über das Böse. Seth wird nicht ermordet, da er weiterhin die Gunst des höchsten Gottes besitzt, fortan fährt er als Begleiter der Sonne -Re- auf der Götterbarke über das Himmelsfirmament. Osiris wird als König und höchster Richter zum Herrscher des Totenreiches. Die Bedeutung seiner Person lag bei den Ägyptern in der Tatsache seiner Auferstehung, gab sie doch Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem irdischen Tod.

Die wichtigsten Götter und ihre Funktionen
Amun:
"Der Verborgene", ist seit dem Neuen Reich höchster Gott und verbindet sich mit Mut und Chons zur Triade von Theben. Er wird als Mensch mit hoher Federkrone oder als Widder dargestellt. Als Gott des Windes ist er allgegenwärtig. "Kein Ding ist leer, denn er, Amun, ist darin".
Anubis:
Schakalköpfig oder -gestaltig. Als Sohn der Nephthys und des Osiris zählt er zu den höchsten Göttern. Er ist "Schwellengott", da er den Sterbenden vom Leben in den Tod begleitet. Überwacht die Balsamierung des Leichnams.
Aton:
Ist das Symbol der Sonne als Gestirn, wird unter Echnaton zum einzigen Gott erhoben
Atum:
Mit dem Sonnengott Re zu Atum-Re verbunden, ist er der Ur- und Schöpfergott und steht an der Spitze der Neunheit von Heliopolis. Er verkörpert die untergehende Sonne.
Chepre:
Menschengestaltig oder als Skarabäus dargestellt. Er steht für die aufgehende Sonne.
Chnum:
Menschengestaltig mit Widderkopf, ist er der Spender von Quell- und Nilwasser. Als Schöpfergott formt er die Menschen auf seiner Töpferscheibe.
Chons:
Sohn des Amun und der Mut. Trägt als Mondgott die Mondscheibe und -sichel auf dem Kopf.
Geb:
Menschengestaltiger Erdgott.
Hathor:
Menschengestaltig oder manchmal als Kuh oder mit Kuhohren und -hörnern dargestellt, ist sie die Göttin des Tanzes, der Liebe und der Schönheit.
Horus:
Falkenköpfiger Himmelsgott. Inkarnation des Pharao, Sohn des Osiris und der Isis. Die vier Kinder des Horus (Pavian, Mensch, Falke und Hund) sind die Schützer der Kanopen.
Isis:
Frau des Osiris, Mutter des Horus, menschengestaltig, mit der Hieroglyphe für "Thron" oder der Sonnenscheibe zwischen Kuhgehörn auf dem Kopf dargestellt. Muttergöttin, Göttin des Thrones.
Maat:
Sie ist die menschengestaltige Personifikation für Recht, Ordnung und Wahrheit. Ihr Symbol ist die Feder auf dem Kopf = Schriftzeichen für Wahrheit. Tochter des Re.
Min:
Menschengestaltig mit Federkrone und erigiertem Glied dargestellt. Gilt als Gott der Fruchtbarkeit und der Zeugungskraft.
Month:
Falkenköpfiger Kriegsgott, war vor Amun Hauptgott von Theben.
Mut:
Frau des Amun, Inkarnation der Königin. Menschengestalt, häufig mit Geierhaube dargestellt.
Neith:
Menschengestaltige Kriegsgöttin, hält Pfeil und Bogen in den Händen. Trägt die unterägyptische Krone auf dem Kopf, wird auch als Kanopengöttin verehrt.
Nephthys:
Mutter des Anubis. Trägt als Frau dargestellt ihr Schriftzeichen "Herrin des Hauses" auf dem Kopf. Sie ist die Schwester der Isis und verkörpert mit dieser zusammen die klagenden Göttinnen des Westens auf der Suche nach Osiris' Leiche.
Nut:
Himmelsgöttin, Gemahlin des Geb. Als Mutter von Sonne und Sternen verschluckt sie diese jeden Abend um sie am Morgen aufs neue zu gebären.
Osiris:
Mumienförmig dargestellt, mit Krummstab und Wedel. Zusammen mit Isis und Horus bildet er die göttliche Familie. Gott des Totenreiches. Als der sterbende und wiederauferstandene Gott steht er als Sinnbild des ewigen Lebens und vertritt damit auch das zyklushafte Werden und Vergehen der Natur.
Ptah:
Menschengestaltig, mit kahlem Kopf und eingewickelten Gliedern, ist Stadtgott von Memphis. Mit seiner Frau Sechmet und dem Sohn Nefertem (jugendlicher Gott auf der Lotusblüte) bildet er die Triade der Stadt. Schöpfungsgott, Gott der Handwerker und der Künste.
Re:
Ist der Sonnengott von Heliopolis. Er verschmilzt mit Atum und Horus zu einer Einheit. Sein Namen lauten dann u.a. Atum-Re und Re-Harachte. Er ist der Herr der Weltordnung und gilt als Vater der Göttin Maat.. Besondere Verehrung in der 5. Dynastie, wo er zum Reichsgott erhoben wurde.
Sechmet:
Löwenköpfige Gemahlin des Ptah, Göttin des Krieges und der Krankheiten.
Selkis:
Menschliche Göttin mit Skorpion auf dem Kopf, Schützerin der Lebens und der Kanopen.
Seschat:
Göttin der Schreibkunst mit entsprechender Hieroglyphe auf dem Kopf dargestellt.
Seth:
Menschengestalt mit nicht näher definierbarem Tierkopf (Esel?). Er ist der Herr der Wüste, der Gott des Sturmgewitters. Seth personifiziert das Teuflische und Dämonische, wird aber gleichzeitig hochverehrt (19.Dynastie, Sethos-Namen).
Sobek:
Hauptsächlich im südlichen Oberägypten verehrter Nilgott, Mensch mit Krokodilkopf oder als ganzes Tier.
Thoth:
Wird als Ibis, Pavian oder ibisköpfiger Mensch dargestellt. Er ist der Gott der Bücher, der Weisheit, des Gesetzes. Als Erfinder der Hieroglyphen fungiert er als Sekretär der Götter und führt auch Protokoll beim Totengericht. Bote der Götter.
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